Body-Shaming der besonderen Art

Erstaunliche Kausal-Kette

„Hat die dicke Waden, die frisst zuviel“, tönt es in der Schlange an der Supermarktkasse. Mit „die“ bin ich gemeint und der Kommentar kommt von einer Dame, die direkt hinter mir steht. Den Austausch über den kausalen Zusammenhang von Wadenumfang und Essverhalten führt die Frau mit ihrem etwa 18-jährigen Sohn. Blitzschnell drehe ich mich um und schaue die Kommentatorin wortlos an. Da ich gerade nicht fassen kann, was passiert ist, schaue ich sie einfach nur an. Wortlos aber eindringlich. Ich mustere sie von unten bis oben: Ende vierzig, hagere Figur. Die Musterung meinerseits ist der Dame sichtlich unangenehm.

Im falschen Film

Sie dreht sich von mir weg und sagt dann etwas zu laut zu ihrem Sohn: „Ach schau mal, da hat eine zweite Kasse aufgemacht, das habe ich gar nicht gesehen. Mensch ich stehe auch immer an der falschen Kasse.“ DAS denke ich auch gerade. Wut steigt in mir auf und ich überlege ernsthaft, ob ich sie fragen soll, ob sie das wirklich gesagt hat. Ich schaue ihr in die Augen, wieder dreht sie sich weg. Deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit auf ihren Einkauf: 2x 10er-Packungen Knoppers, 6 Joghurt mit der Ecke, ein Sixpack Radler, eine Packung Toastbrot und 2 Schweine-Nackensteaks.

„Interessanter Einkauf“

Denke ich mir und bezahle meine Batterien, die ich gekauft habe. Ich drehe mich nochmal zu ihr um, doch sie ignoriert mich geflissendlich. Dabei fallen mir ihre Beine auf: Viele Krampfadern. Und mir kommt ein Gedanke: Die Frau ist zwar doof, aber vielleicht auch einfach nur neidisch. Schließlich zieren meine „dicken“ Waden nicht ein Äderchen oder ähnliches. Sie sind einfach nur kräftig.

Irgendwie beruhigend

Finde ich diesen Gedanken, bin aber trotzdem noch nachdenklich. Bisher ist es mir noch nie passiert, dass ich vom sogenannten Body-Shaming betroffen bin. Body-Shaming? So ein netter englischer Begriff, der beschreibt dass man sich für seinen Körper schämt bzw. deswegen angegriffen wird. Ein Phänomen das uralt ist und momentan durch Nora Tschirners Film „Embrace“ auch in den Medien wieder brandaktuell scheint.

Ich liebe meinen Körper und er ist nicht mein Feind

Wenn mehr Menschen und -insbesondere Frauen- so denken würden, gäbe es weniger Ess-Störungen und genau deshalb habe ich diesen Beitrag geschrieben. Ich denke gar nicht daran mich wegen meiner Waden oder meines Gewichts zu schämen! Meine „dicken Stampfer“ haben mich durch einen Halbmarathon getragen und über manch schwierige Zeit. Ich stehe sozusagen solide im Leben und das lasse ich mir von Niemandem kaputt machen! Habt Spaß in Eurem Leben und lasst nicht die Meinung anderer über Euer Selbstbild entscheiden. Und um meine liebe Blogger-Freundin Andrea zu zitieren: „Mach Zuckerstreusel drauf“.

Fotocredit: Andrea Marquetant

11 Antworten auf „Body-Shaming der besonderen Art“

  1. Liebe Anja,
    gibt es schon eine englische Bezeichnung dafür, dass man sich wegen stark verminderter Hirnleistung schämt? Nein? Dann schäme ich mich auch nicht wegen meiner Waden. Die Welt ist voller unverschämter, respektloser Menschen. Sie sind diejenigen, die sich schämen sollten.
    Ich drück Dich!
    Conny

  2. Du hast das ganz toll beschrieben. Ich hätte zugern das Gesicht der Dame gesehen als sie sich ertappt gefühlt hat. Wir wissen ja alle, wer sich da schämen muss. Du bist es jedenfalls nicht.
    Wenn man selbst Defizite hat und dadurch umzufrieden ist, dann projiziert man das zu gern auf andere.
    Eigentlich kann einem die Person leid tun, wie unglücklich muss sie sein?!
    Liebe Grüße aus der Pfalz!
    Susanne

    1. Liebe Susanne,

      das habe ich mir auch gedacht, deshalb habe ich auch versucht das Ganze gegenüber der Dame trotzdem respektvoll zu schreiben. Ich habe wirklich Mitleid.

      Von-Baden-rüber-in-die-Pfalz-wink

      Anja

  3. Doch, ich finde das wichtig und richtig, dass du das hier erzählst… Wie unglücklich und emotional arm muss jemand sein, so über andere zu urteilen 🙁

  4. Liebe Anja!
    Über jemanden zu richten, zu urteilen und auf ihn herabzuschauen, ist leider unglaublich verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert.

    Sobald sich Aussehen, Persönlichkeit und Lebensstil von dem vermeintlich „Normalen“ und Gewohnten unterscheiden, zeigen wir gerne mit dem Finger auf andere und lästern.

    Dein toller Artikel hat mir gerade mal wieder die Augen geöffnet, was das für eine miese Energie ist.

    Ein Hoch auf Deine Einzigartigkeit und Deine Talente!

    Ganz liebe Grüße,
    Marion

  5. Liebe Anja!
    Du schreibst das total gut. Leider wird es nunmal kein Hirn regnen für solche Leute schon gar nicht. Mein Lebensmotto: Lebe und genieß es!
    Leider manchmal einfacher gesagt wie getan bei solchen dummen Menschen auf der Welt!
    Und trotzdem bin ich lieber ein Dickerchen und lebensfroh als so ein unzufriedenes mageres Fredchen.

    1. Liebe Petra,

      ich halte es wie Sabine Asgodom: Das Leben ist wie ein Tennisspiel. Du hast nicht in der Hand wie die Bälle kommen, aber wie du darauf reagierst.

      In diesem Sinne wünsche ich einen guten „Return“

      Waden-stolze Grüße

      Anja

  6. Hallo Anja

    Das ist ja der Knaller! Wenn sich jeder um sich kümmert, dann wäre für jeden gesorgt.

    Verstehe es nicht. Jeder hat doch genug eigene Probleme und Unsicherheiten. Warum versuchen manche Menschen, sich besser darzustellen indem sie andere schlechter machen.

    Liebe Grüße
    Gabriele

  7. Sicherlich hast Du mit dem Grundthema und der Kritik am Body Shaming recht. Aber ich glaube viel treffender ist hier die Beobachtung mit den Krampfadern. Es handelt sich dabei wohl um eine Projektion… wir sind alle anfällig dafür. Was uns an uns selbst nicht gefällt, fällt uns in anderen unangenehm auf. Die Frau mag offenbar ihre eigenen Waden nicht und kritisiert daher Deine Waden, die in ihrem Empfinden nicht schön sind.

    Wie gesagt, das passiert laufend. Und in solchen Fällen tut es dann weh. Deswegen wäre es gut, wenn die besagte Dame sich eingestehen könnte, dass sie mit ihren Waden unzufrieden ist, dann müsste sie das Problem nicht bei anderen Menschen abladen.

    Und manchmal ist es auch gut, wenn man sich selbst sowas eingestehen kann. Vielleicht hilft es sogar, mit den entsprechenden (Körpe)Teilen von sich selbst mehr Frieden zu finden.

    Echte Liebe (auch zu sich selbst) schließt das Unperfekte mit ein. Nicht einfach und schnell ist Wasser gepredigt und Wein gesoffen. Aber vielleicht ist es ein Weg, den es sich zu gehen lohnt.

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